Archiv des Bündnis gegen Rechts Braunschweig

Erlebnisbericht eines 17-jährigen Schülers

Sonntag, den 19. Juni 2005


Ich bin ein siebzehnjähriger Schüler des Gymnasiums Neue Oberschule Braunschweig und habe gestern, Samstag den 18. Juni 2005, an der antifaschistischen Demonstration gegen die NPD in Braunschweig teilgenommen.

Von 12:15 an befand ich mich auf der Verlängerung des Bohlwegs, Ecke Stobenstraße/Karrenführerstraße, beim Galeria Kaufhaus. Die Stobenstraße war in Richtung J.-F.-Kennedyplatz dicht von schwer gerüsteten Polizeibeamten abgesperrt. Um mich herum befanden sich viele mir bekannte Schüler von Gymnasien und anderen Schulen Braunschweigs, auch sah man ein paar ältere Punks. Erwachsene über 30 gab es hier zu diesem Zeitpunkt nur wenige.
Insgesamt befanden sich vielleicht knapp 800 Leute in dem von der Polizei eingekreisten Bereich. Es gab Gerüchte, dass die Nazis am J.-F.-Kennedyplatz aufgehalten werden konnten (dies war auch für 1 1/2 Stunden der Fall) und dass ihre Route verändert oder gar abgebrochen werden musste. Dies wurde teilweise von zwei Erwachsenen über Megaphon verkündet. 

Um ca. 13 Uhr gab es eine Durchsage der Polizei. Meine Freunde um mich herum und ich verstanden nichts, weil die Lautsprecherdurchsage vom lauten Pfeifen und Buhrufen der Demonstranten übertönt wurde. Wir befanden uns in der Mitte des Menschenpulks, also ist davon auszugehen, dass wirklich nur die vorderen Reihen die Durchsage verstehen konnte. Es folgten zwei weitere Durchsagen, bei der Letzten konnte ich Wortfetzen wie "Zwangsmittel" oder "Gewalt" heraushören. 

Der Großteil der Demonstranten setzte sich nun auf den Boden. Hinter den Absperrungen sah man Polizeigruppen von jeweils ca 25 Mann herankommen, hinter uns sahen wir eine Truppe von vielleicht 20 Männern mit schwarzen Rüstungen und Helmen anrücken. Wir waren komplett eingekreist von Polizisten mit Schlagstöcken und Pistolen. Die Männer mit Megaphonen ordneten an, weiter sitzen zu bleiben und Ruhe zu bewaren. Falls wir weggetragen werden sollten, sollten wir uns "schön steif und schwer machen". Dazu kam es jedoch nicht. Um ca. 13:30 begannen die verstärkten Reihen der Polizei die teilweise aufgestandenen Demonstranten der ersten Reihen in Richtung Bohlweg zu drängen. Viele stürzten über die sitzen gebliebenen Demonstranten; einige versuchten standhaft zu bleiben. Ich sah einen Demonstranten, der aufgrund der Menschen um ihn herum nicht weiter nach hinten weichen konnte. Ein von ihm 1 m entfernter Polizist zog seinen Schlagstock, ging von der Seite her an ihn heran und schlug zu. Dieser Demonstrant hatte zuvor nicht versucht,
die Polizei zurückzuhalten. Um mich herum begannen die Menschen zu schreien, und auch ich brüllte: "Wir sind friedlich - was seid ihr?". Die Situation war erschreckend und beängstigend. Einige Demonstranten standen plötzlich hinter einer Reihe von Polizisten, und auch hier gab es gewalttätige Aktionen und Geschubse. Nach wenigen Sekunden sprangen einige meiner Freunde um mich auf und schrieen mir zu, ich sollte schnell wegrennen. Ich hielt sie an, mit mir sitzen zu bleiben, weil ich die hinter mir anstürmende schwarz angezogene Eingreiftruppe nicht sah. 

Die Brutalität und Gewaltbereitschaft dieser Polizisten war erschreckend. Von links her stürzten drei Menschen über zwei andere sitzen gebliebene Schüler halb über mich, sofort darauf packten mich zwei Hände an den Schultern. Eine Stimme schrie von hinten in meine Ohren, ich solle schnell aufstehen. Was genau geschrieen wurde, weiß ich nicht mehr. Ich begriff die Situation nicht schnell genug, als ich unter den Armen gepackt, nach oben gerissen, und nach vorne geschubst wurde. Vielleicht bin ich auch über einen der anderen Demonstranten oder irgendetwas anderes gestolpert. Ich stützte mich mit den Händen ab und wollte mich aufrappeln, um nach vorne zu flüchten. Weil ich zu langsam war bekam ich von einem der Polizisten einen Tritt in die Seite. Ich befand mich in einer Traube von zusammengedrängten Menschen, die von den Polizisten in Richtung Karrenführerstraße geschubst wurde; also in die Seitenstraße der abgesperrten Stobenstraße. Obwohl sich in der Gruppe auch Mädchen von vielleicht 14-16 Jahren befanden (so auch fast direkt vor mir), wurden wir (die letzte Reihe vor den Polizisten) grob in die Menschen vor uns gestoßen. Nun übernahmen die Polizisten in grün die Schubserei. Mein Schulfreund XXXX  konnte währenddessen nicht weiter nach vorne in die Traube weichen. Er antwortete einem schreienden Polizisten hinter ihm über die Schulter, es gehe nicht so schnell. Als Antwort bekam er einen Schlag auf die Schulter. Ein anderer Freund von mir, XXXX, hob beide Arme nach oben und wollte sich von selbst von der Straße entfernen. Auch er wurde geschlagen. 

Ich konnte mich nach rechts von der Traube lösen, und für kurze Zeit hatte ich Zeit zum Durchatmen. In diesem Moment sah ich direkt vor mir einen älteren Rollstuhlfahrer neben der Gruppe. Wäre einer der Demonstranten gestolpert oder zu weit zurückgeschubst worden, wäre er auf ihn gestürzt.
Nach zwei Minuten standen wir mit einer Reihe Polizisten vor uns in der Karrenführerstraße. Ich stand ganz vorne und konnte die verbliebenen Demonstranten auf der Stobenstraße gut sehen. Nachdem eine Staffel von fünf Pferden zweimal zwischen uns hindurch geritten war, begannen zwei Männer wütend mit den Polizisten zu reden. Ihnen wurde wenig Aufmerksamkeit geschenkt. An uns vorbei stürmte wieder eine Gruppe von 25 Polizisten, kurz nachdem ein Krankenwagen einen im Gesicht blutenden Demonstranten abgeholt hatte.

Nach zehn weiteren Minuten Fassungslosigkeit sah ich einen panischen Demonstranten von 4 Polizisten verfolgt von innen her auf uns zu stürmen. Der schreiende Jugendliche (vielleicht 18 Jahre alt) konnte noch zwischen der vor uns stehenden Polizistenreihe durchbrechen und stürzte dann zu Boden. Ich drängte mich zu ihm durch und sah, dass die um ihn herum stehenden Polizisten von allen Seiten an ihm zerrten und ihn zurückzogen. Um ihm zu helfen wollte ich seine Hand festhalten, worauf ich einen Knüppel in den Magen bekam und von einem der Polizisten kräftig nach hinten geschubst wurde. Ich schrie, dass der Polizist ruhig bleiben sollte und hielt die Hände beruhigend nach unten, worauf er mich ein weiteres Mal kräftig nach hinten schubste. Als der schreiende Jugendliche von den Polizisten nach hinten weggezerrt wurde, war ich kurz davor, vor Wut zu weinen. Meinen Freunden in der Nähe des Cinemaxx Kinos erging es nicht viel besser. Ich hörte von Wasserwerfern und ähnlich brutalem Vorgehen der in Schwarz  gekleideten Polizisten. Ein Mädchen sei vom Wasserwerfer am Auge getroffen worden, und es sei auch ein ungefähr Zwölfjähriger von der Polizei am Boden
getreten worden. 
 
Nach diesen Erlebnissen ging ich mit den bei mir gebliebenen Freunden zur Kreuzung am Welfenhof, wo sich einige Hundert Menschen gegen die NPD versammelt hatten. Hier waren deutlich mehr Erwachsene dabei, die Kreuzung wurde schwer von der Polizei bewacht. Zu Eskalationen kam es hier nicht, nur einmal stürmten 20 in grün gekleidete Polizisten zum äußerst rechten Flügel und trieben die Demonstranten in einem kleinen Bereich um ca. 5 m zurück, die aus Angst nach hinten flüchteten. Auffällig war, dass alle Polizisten (auch die auf der Kreuzungsseite der NPD) mit dem Gesicht zu uns hin gewandt standen. "Deutsche Polizisten schützen die Faschisten!" war die Antwort  vieler Demonstranten. 

Nachdem der Zug der NPD an dieser Kreuzung vorbei gezogen war, verfolgten wir ihn noch bis ca. 18 Uhr durch die Stadt, wobei wir immer wieder von der riesigen Zahl an Polizisten erstaunt waren.
 
Ich werde mich noch lange an diesen Samstag erinnern können, denn an diesem Tag habe ich große Angst gehabt. Das Verhalten der Polizei war in meinen Augen auf gar keinen Fall angemessen. Ich habe an diesem Tag außer einer fliegenden Flasche keine direkte Gewalt der Demonstranten gesehen, jedoch mehrfach von Polizisten. Dies ist nur meine Sicht und ich bin auch davon überzeugt, dass auch Gewalt der Demonstranten existiert hat, jedoch nicht vergleichbar mit der von der Polizei eingesetzten Gewalt. Es ist schade, dass keiner der stärkeren Übergriffe der Polizei von uns gefilmt oder
fotografiert werden konnte. Bei vielen der Polizeigruppen (und Polizisten auf Dächern oder in Hochhäusern) sah ich Beamte mit Camcordern, jedoch bezweifle ich, dass diese Videos an die Öffentlichkeit gelangen werden.
 
Ich hoffe, mein Bericht konnte Ihnen die Seite der Demonstranten näher bringen.


Felix XXXXX (Name liegt vor)


 

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